Die nachfolgenden Einschätzungen und Positionierungen stellen eine Momentaufnahme dar und können sich jederzeit und ohne Ankündigung ändern. Sie sind keine Prognose für die künftige Entwicklung der Finanzmärkte oder für die Fonds der Raiffeisen KAG.

Die starke Kurserholung bei Aktien und Anleihen von Juli verlor im August an Schwung und machte vielerorts neuerlichen Kursrückgängen Platz. Interessanterweise hielten sich die Schwellenländer-Aktienmärkte insgesamt dabei deutlich besser als die entwickelten Märkte. Einige von ihnen – etwa die Türkei oder Brasilien – lagen sogar kräftig im Plus. Die Anleihemärkte befanden sich nahezu ohne Ausnahmen parallel zu den Aktien auf dem Rückzug. Auch hier gehörten die Schwellenländer im August aber zu den stärkeren Marktsegmenten.

Inflationsbekämpfung als prioritäres Ziel der Notenbanken

Trotz abnehmender Inflationsdynamik verschärften die Notenbanken in den USA, der Eurozone und in etlichen weiteren Ländern ihre Rhetorik. Priorität habe die Inflationsbekämpfung, ohne allzu große Rücksichtnahme auf Wirtschaftswachstum oder Rezessionsrisiken. Das war nicht das, was die meisten Marktteilnehmer erhofft hatten. Die Vorreiterrolle der US-Notenbank bei Zinsanhebungen in den entwickelten Märkten sowie die sich abschwächende Weltwirtschaft ließen den US-Dollar weiter anziehen. Dass sich die Schwellenländermärkte dennoch recht gut behaupteten, ist eher ungewöhnlich und ein gutes Zeichen. Zuviel sollte aber noch nicht hineininterpretiert werden. Es spricht trotz einer bereits ausgeprägten fundamentalen Überbewertung noch immer einiges für eine anhaltende Stärke der US-Währung. Ein solches Umfeld, gepaart mit weiterer globaler Konjunkturabschwächung und einer weltweit restriktiver werdenden Geldpolitik, bedeutet bis auf weiteres einen Gegenwind und hohe Volatilität für die Aktienmärkte generell – und jene der Schwellenländer im Besonderen.

Langfristig betrachtet bieten Emerging-Markets-Anleihen in etlichen Staaten inzwischen recht attraktive Ertrags-Risiko Konstellationen, speziell Lokalwährungsanleihen. Kurz- und mittelfristig bestehen aber durch steigende US-Renditen und fallende Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar noch signifikante Risiken für weitere Kursrückgänge. Ähnliches gilt für Schwellenländeraktien.

Globale Wachstumsabschwächung ist unverkennbar

Die Anzeichen einer weiteren globalen Wachstumsabschwächung mehren sich. Sowohl Taiwan als auch Südkorea und Singapur gelten durch ihre hohe Exportausrichtung als „Kanarienvögel“ für Welthandel und Konjunktur. In allen drei Ländern wachsen die Lagerbestände und die Exportdynamik nimmt spürbar ab. Dabei ist zu beachten, dass die Geldpolitik sowohl in den USA als auch in der Eurozone zwar restriktiver wird, insgesamt aber noch immer sehr locker und akkommodierend ist. Das wird sich nach den sehr deutlichen Aussagen führender Zentralbanker in den kommenden Quartalen spürbar ändern und diese bremsenden geldpolitischen Effekte werden sich dann mit Verzögerung durch die Weltkonjunktur fressen. Aktuell wird diese noch gar nicht so sehr von Zinsanhebungen belastet, sondern vor allem von den Preissteigerungen und Disruptionen bei Energieträgern und Lebensmitteln. Bei diesen beiden Komponenten hat sich die Lage zuletzt zwar etwas entschärft.

Der Ausblick für 2022 und 2023 ist aber keiner, der nachhaltige Entspannung oder Verbesserung verheißt. Dabei muss man im Auge behalten, dass ein etwaiges Ende der Preissteigerungen für sich genommen noch keine Verbesserung der Situation bedeutet, sondern lediglich, dass die Verschlechterung gestoppt ist. Sofern etwa für die privaten Haushalte die Einkommen nicht mit den Preisanstiegen der letzten Quartale mithalten, wird die finanzielle Belastung durch verteuerte Lebensmittel und Energieträger bleiben. Letzteres ist für die meisten Schwellenländer ein besonders großes Problem: Da ein sehr hoher Anteil des Einkommens der breiten Masse der Bevölkerung dafür aufgewendet wird, führen die Preisanstiege unweigerlich dazu, dass sehr viel weniger Geld für andere, weniger essenzielle Güter und Dienstleistungen zur Verfügung steht. Das dürfte die Gewinnmargen vieler Unternehmen zusätzlich belasten. Belastet werden aber auch die Staatshaushalte, die politischen Systeme und bisherige geopolitische Allianzen. Rund 40 % Lebensmittelteuerung binnen zwölf Monaten mündeten 2010 im „Arabischen Frühling“. Die Preisanstiege seit 2020 liegen bereits bei 40 bis 60 %, wenn auch auf zwei Jahre verteilt. In etlichen Schwellenländern, aber diesmal auch in entwickelten Nationen, drohen damit früher oder später schwere innenpolitische Turbulenzen, die in weiterer Folge auch geopolitische Auswirkungen haben könnten.

Ukraine-Russland-Front festgefahren

Unterdessen scheint die militärische Situation in der Ukraine und die Lage in der Konfrontation zwischen Russland und der westlichen Allianz festgefahren und eine rasche Lösung oder Entspannung ist nicht in Sicht. Damit verbundene Disruptionen werden aller Voraussicht nach bis mindestens 2023 anhalten. Gleichwohl gibt es Lichtblicke. Durch fiskalische Unterstützung und die temporäre Natur einiger Belastungsfaktoren (Stichwort Hitze und Dürre) könnte sich die konjunkturelle Situation in Europa in der ersten Jahreshälfte 2023 stabilisieren und das Wachstum wieder leicht nach oben drehen. Für die USA ist derzeit noch offen, ob es in den nächsten Quartalen eine tiefe, nur eine leichte oder möglicherweise gar keine Rezession geben wird. Auch diese relativ komfortable Situation der US-Wirtschaft erklärt übrigens einen Teil der US-Dollar-Stärke. Für den Rest der Welt hätte eine weiterhin robuste US-Konjunktur, die eine Rezession vermeiden kann, allerdings eine Schattenseite: Die Inflation in den USA würde in einem solchen Szenario so hoch bleiben, dass die US-Notenbank die Zinsen noch weiter anheben dürfte als derzeit eingepreist ist, und zwar mit entsprechend negativen Auswirkungen für die globalen Anleihemärkte und neuerlichen Aufwärtsimpulsen für den US-Dollar.

Für China schließlich lässt sich bei allen Unwägbarkeiten und widersprüchlichen volkswirtschaftlichen Daten wohl eines relativ sicher sagen: China wird die globale Konjunktur nicht retten können, wie es noch 2008/2009 der Fall war. Bestenfalls dürfte eine moderate Wachstumsbeschleunigung erzielbar sein, die jedoch zu wenig sein wird, um eine markante globale Wirkung zu entfalten.

Rezessionsängste drücken Rohstoffpreise

Die bereits erfolgte bzw. noch drohende globale Wachstumsabschwächung hat viele Rohstoffpreise nach unten gedrückt. Im Falle weiterer Probleme in Chinas Volkswirtschaft (Stichworte Immobiliensektor, Covid-Strategie) und einer US-Rezession könnten neuerliche Kursrückschläge drohen. Speziell bei Rohöl muss man aber auch auf ein gegenteiliges Szenario eingestellt sein. Denn die Ölnotierungen sind sowohl durch die Verkäufe aus der strategischen Ölreserve der USA als auch durch Rezessionssorgen gedrückt worden. Sollten letztere sich als überzogen erweisen, ist ein neuer kräftiger Ölpreisanstieg absolut möglich. Dieser könnte zusätzlich dadurch befeuert werden, dass ein erheblicher Teil des „Pulvers“ aus der US-Ölreserve bereits verschossen wurde (und dass diese demnächst auch wieder durch Käufe aufgefüllt werden muss).

Unabhängig von diesem kurzfristigen, zyklischen Ausblick drohen ab Mitte der 2020er Jahre Angebotsdefizite in der globalen Ölversorgung, trotz des rasanten Ausbaus regenerativer Energieerzeugung von Elektromobilität sowie von Atomkraft. Dazu könnten paradoxerweise auch einige der jetzt ergriffenen Maßnahmen gegen die hohen Energiepreise beitragen. In diesem Zusammenhang ist zugleich anzumerken, dass die Ölnotierungen selbst im Hoch heuer aber noch weit unter den bisherigen Rekordpreisen von 2008 lagen. Den damaligen Höchstpreisen würde inflationsbereinigt heute ein Niveau von rund 200 US-Dollar pro Fass entsprechen. Während man also bei den Gaspreisen von einer Krisensituation sprechen kann (vor allem in Europa und Teilen Asiens), ist der Ölpreis noch meilenweit davon entfernt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Umfeld kurz- und mittelfristig noch nicht für riskante Vermögenswerte im Allgemeinen sowie für Schwellenländeraktien spricht. Das könnte sich im ersten Halbjahr 2023 aber ändern. Langfristig sind die Bewertungen und fundamentalen Aussichten für viele Emerging Markets weiterhin gut bis sehr gut, wobei sie im Einzelfall stark variieren und daher selbstverständlich wie schon immer gute Selektion gefragt ist.

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